Wenn Stress auf Unsicherheit trifft

„Helfen oder nicht helfen?“ Das ist die Frage, wenn nicht-behinderte Menschen einen scheinbar „hilflosen“ behinderten Menschen in der Öffentlichkeit sehen.

19. Oktober 2018

Bei den behinderten Menschen stellt der öffentliche Raum eine stressvolle Umgebung dar. Sie erfordert hohe Konzentration und mutet eine ständige Anspannung zu. Es ist eine ewige Bewährungsprobe. Dummer Weise spielt die sich auch noch auf dem Präsentierteller ab.

In der Welt der Nichtbehinderten ringt ein behinderter Mensch ständig mit seiner Behinderung und seinem anders sein. Dabei steht er im Schaufenster der Gesellschaft und wird von den Leuten mit unterschiedlichster Motivation betrachtet.

Auch ist der öffentliche Raum für behinderte Menschen immer gut für böse Überraschungen. Selbst wenn der behinderte Mensch sich auskennt und fast wie zu Hause fühlt, sind schon normale Aufgaben wie das Überqueren einer viel befahrenen Kreuzung oder der Gleiswechsel im Bahnhof schwierig genug.

Das „Auswärts“ bringt weitere Gefahren mit sich. Sehbehinderte Menschen stolpern über vorher nicht vorhandene Mülltonnen, Rollstuhlfahrer kommen an schlecht geparkten Autos nicht vorbei und müssen auf die Straße ausweichen und Hörgeschädigte können weder die Warnrufe noch das herannahende leise Elektroauto hören. Die schlecht abgesicherte Baustelle, die kurz abgestellten Einkaufskörbe oder das herrenlose Skateboard mitten auf dem Gehweg werden zu großen Herausforderungen.

Bei dem Nichtbehinderten, der sich frei in seinem Umfeld bewegt, beginnt dann das große Zaudern: „Soll ich oder soll ich nicht?“ Einerseits hat er den guten Willen zu helfen, andererseits auch die Sorge, in die Privatsphäre des behinderten Menschen einzudringen. Es gibt die Unsicherheiten wie „Kann ich überhaupt richtig helfen?“ und die Neugierde im Sinne von „Wie macht der das denn jetzt so ganz allein?“.

Wenn also ein nichtbehinderter Mensch einem behinderten Menschen tatsächlich Hilfe anbietet, dann trifft Unsicherheit auf Stress. Unter Stress reagieren Menschen oftmals überzogen und unangemessen. Da kann es zu wenig schönen Begegnungen kommen.

Mein Tipp an alle Nichtbehinderten: Bieten Sie Ihre Hilfe immer wieder mutig an, egal wie viele Körbe Sie schon bekommen haben.

Und an alle Behinderten: Lernen Sie die wohlgemeinte Hilfe anzunehmen und versöhnen Sie sich mit Ihrer Situation. Die Freiheit beginnt dort, wo ich anfange Hilfe anzunehmen, auch wenn ich Sie nicht bräuchte.

Dann gibt es schöne Momente mit erfreulichen Begegnungen und guten Gesprächen.


Copyright (c) 2018, Astrid Weidner, TriMentor
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