Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel, wer bist du?

Die Personalpronomen sind gleichsam klein und fein. Diese kurzen Wörtchen sind so beweglich und praktisch, dass wir uns ihrer selten bewusst sind.

20. Februar 2019

Sie stehen „für persönliche Namen“. Anstelle Frau Lieselotte Müller fünfmal in fünf Sätzen hintereinander zu erwähnen, kann ein Sprecher oder Autor durch den richtigen Einsatz der Personalpronomen den Rede- oder Lesefluss verbessern und eine Geschichte schneller voranbringen. „Sie“ wird zum personifizierten Platzhalter für Frau Müller.

Oft erlebe ich die Wirkung von falsch eingesetzten Personalpronomen. Wen meinte Bundeskanzlerin Angela Merkel eigentlich mit „WIR schaffen das!“? Meinte sie die Bundesregierung oder die gesamte Bevölkerung? Waren die Kommunen und Städte gemeint? Meinte sie auch die Geflüchteten selbst?

Über „man“ haben wir schon geschrieben. In Sätzen wie „Das macht man so.“ ist nicht eindeutig, wer gemeint ist. Denn die Frage bleibt: „Mache ICH das tatsächlich auch so?“ oder habe ich andere Lösungsansätze?

Kennen Sie auch Aussagen wie „Da stehst du am Bahnhof und der Zug kommt einfach nicht… Dann platzt dir doch der Kragen!“ ?

Wer ist hier mit dem „Du“ gemeint? Der Sprecher will offensichtlich aus eigener Erfahrung berichten und vermutet eine allgemeine Gültigkeit seiner Erlebnisse und Reaktionen.

Das „Du“ ist hier fehl am Platz. Er meint „ich“, denn er berichtet von seiner Bahnfahrt. Dann ist das für den Zuhörer realistisch und nachvollziehbar.

„Ich stand am Bahnhof und der Zug kam einfach nicht…“

Doch der Sprecher, der die Personalpronomen falsch einsetzt, stülpt seine Erfahrungen, seine Gefühle und Emotionen seinem Zuhörer über. Der Zuhörer setzt sich wohl oder übel mit der persönlichen Meinung des Sprechers auseinander.

Vielleicht sieht der Zuhörer das alles ganz anders. Wenn er ein geduldiger Mensch ist, weiß er, dass ein verspäteter Zug keinen Weltuntergang bedeutet. Dann platzt ihm und vielen anderen auch nicht der Kragen.

Der Sprecher kann durch den souveränen Einsatz der Personalpronomen für eine eindeutige Auslegung seiner Sätze sorgen. Wenn er die Geschichte realistisch erzählt, hat der Zuhörer genauso Anteil an seinem Bahnfahrer-Frust. Er darf jedoch seine eigene Einstellung dazu behalten.


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